Sportreport: Skitour Gemsfreiheit

Unsere Skitour auf die Gemsfreiheit am Fuße des Piz Palü beginnt nicht mit dem obligatorischen Anfellen der Ski. Zuerst müssen wir einmal auf die Diavolezza, und zu unserem Glück fährt dorthin eine Gondelbahn.

Das Skigebiet Diavolezza liegt auf knapp 3000 Höhenmeter und ist Ausgangspunkt für viele bekannte Ski- und Bergtouren in den Schweizer Ostalpen. Bereits die Fahrt mit der Seilbahn entschädigt für jeden Kilometer unserer Anreise: Unberührte Pulverschneehänge so weit das Auge reicht, unzählige Kuppen, Windlippen und Kickerspots. Oben angekommen checken wir in Windeseile unser Gepäck im Berghaus der Diavolezza ein, um noch die letzten Sonnenstrahlen auf der Terrasse zu erwischen. Vor uns erstreckt sich eine unglaubliche Aussicht auf die Berninagruppe: Piz Palü, Piz Zupo, die Bellavista und der Piz Bernina mit seinem nach Westen abfallenden, technisch anspruchsvollem Biancograt. Der Piz Palü ist zwar mit seinen 3900 Meter ein wenig kleiner als sein 4049 Meter hoher Bruder, der Piz Bernina (übrigens der einzige Viertausender der Ostalpen), aber deswegen nicht minder schön. Während sich der Westpfeiler des Palü im letzten Abendrot färbt wird mir einmal mehr bewusst, was für unglaubliche Leistungen die Erstbesteiger Sir Kenelm Edward Digby und sein Bergführer Peter Jenny im Jahre 1866 vollbracht haben. Damals gab es weder eine genaue Wettervorhersage noch die adäquate Ausrüstung für solche Touren. Dafür hatten sie wohl einen unbändigen Entdeckungsdrang und den unerschütterlichen Willen diesen Berg zu besteigen, und manchmal ist weniger einfach mehr.

Zurück zu unserer Tour: Am nächsten Morgen klettern gerade die ersten Sonnenstrahlen den Ostpfeiler des Palü hinauf während sich eine erste Gruppe von Bergsteigern bereits auf den Weg macht. Wir haben noch ein wenig Zeit und treffen unseren Bergführer Anselm im Frühstücksbereich des Berghauses Diavolezza. Nachdem wir unsere Tour nochmals besprochen und unser Material gecheckt haben sind wir bereit für unser kleines Abenteuer. Vor der Diavolezza ziehen wir unsere ersten Schwünge hinunter zum Persgletscher – die Sonne strahlt nun vom Himmel und die Schneeverhältnisse sind großartig. Umringt von einer einmaligen Gletscherlandschaft legen wir die Felle an und beginnen den Aufstieg. Die Gletscherspalten lassen wir linkerhand liegen und bewegen uns über flaches Gelände in Richtung Fortezzagrat. Nach wenigen Metern wird uns klar, dass die Dimensionen des Persgletschers doch um einiges größer sind als erwartet. Von der Diavolezza aus betrachtet sah der Anstieg zur Gemsfreiheit nach einem Katzensprung aus, aber jetzt verstehen wir, warum die horizontale Distanz mit knapp 4 Kilometern ausgeschrieben ist. Während wir gemütlich dahin stapfen fällt es mir schwer meine Augen von der Nordwand des Piz Palü zu lösen. So viele Touren, so viele Möglichkeiten aufzusteigen und abzufahren…Vielleicht ein anderes Mal.

Die Nordwand zeigt sich von meiner Begeisterung sichtlich unbeeindruckt und blickt stumm auf mich herab. Wir lassen den Gletscher hinter uns und ziehen unsere Spur von östlicher Seite aus Richtung Gemsfreiheit. Die Tage vor unserer Anreise hat es einige Zentimeter geschneit und durch Sonneneinstrahlung und ansteigende Temperaturen ist es zu einigen beachtlichen Lawinenabgängen gekommen. Zum Glück kennt unser Bergführer Anselm das Gelände besser als Old Shatterhand seine Westentasche. Der gebürtige Mittenwalder ist vor zehn Jahren der Liebe wegen in die Schweiz gekommen. Seither arbeitet er als Bergführer in Pontresina und bewirtschaftet im Sommer eine Berghütte auf dem Muottas Muragl.
Erst auf der Schulter der Gemsfreiheit fällt mir Anselms Eispickel auf, den er gerade aus dem Rucksack zieht. Wir sind bereits auf über 3000 Höhenmetern und auf der südwestlich orientierten Querung hat der Schnee noch nicht aufgefirnt. Anselm geht auf Nummer sicher und schlägt uns mit dem Pickel eine kurze Spur. Ein originaler Bendh-Eispickel: Der legendäre Eispickel aus Grindelwald, der auch den Erstbesteigern des Mount Everests im Jahr 1953 zu ihrem grandiosen Erfolg verhalf und sich in der alpinen Bergsteigerszene höchster Beliebtheit erfreut. „Den hob i zum Abschluss gschenkt bekommen“, sagt Anselm. Gemeint ist die Abschlussprüfung der Bergführerausbildung.

Jetzt sind es nur mehr wenige Meter bis zum Gipfel und die Sonne strahlt über dem Berninamassiv. Oben angekommen packen wir unsere Jause aus und genießen den Moment. Es ist windstill, kaum eine Wolke ist am Himmel zu sehen. In südöstlicher Richtung erkennen wir den Ortler, weiter westlich ragen Piz Buin und Piz Ot in den Winterhimmel, hinter uns der Fortezzagrat – der Westgipfel des Palü scheint zum Greifen nahe. Genug geträumt. Wir fellen ab und machen uns für die Abfahrt bereit. Auf uns warten 1300 Höhenmeter feinster Genuss in schier endloser Weite, und ich kann es kaum erwarten endlich ein paar Turns in den Schnee zu setzen. Wir genießen es auf dem gut gesetzten Powder einfach nur dahin zu schweben. Eine Vielzahl wirklich guter Turns später kommen wir zu stehen, keiner von uns kann sein breites Grinsen verbergen. Ein „Soul Run“ par excellence!

Wir drehen unterhalb der Gemsfreiheit wieder zurück Richtung Diavolezza und fahren weiter über den Pers-Gletscher ab. 150 Höhenmeter später trifft die Gletscherzunge des Pers auf jene des Morteratsch. Das Eis der Gletscherbrüche leuchtet in den verschiedensten Farbtönen von Türkisblau bis Grauschwarz. Eine kleine Erinnerung daran, dass die Berge und ihre Gletscher bereits lange vor uns Menschen hier waren. Wir folgen den weiten, flachen Hängen des Morteratschgletschers bis zu seinem abrupten Ende. Ein schmales Schneeband weist uns nun den Weg weiter talauswärts. Keine 40 Meter nach der Gletscherzunge stoßen wir auf ein Schild, auf dem die Jahreszahl 2015 vermerkt ist. Viele weitere säumen den Weg bis zum Bahnhof Morteratsch: Es ist der Gletscherpfad, der über Glaziologie, Geomorphologie, Vegetation und Rückgang des Morteratsch Auskunft gibt. Seit Beginn der wissenschaftlichen Aufzeichnungen hat der Gletscher an über 2,5 Kilometer Länge eingebüßt. Unglaublich, wenn man bedenkt, dass der Gletscher 1870 noch bis zum Bahnhof geführt hat. Nichtsdestotrotz zählt der Morteratschgletscher mit seinen noch immer rund 1,2 Kubikkilometern zu den volumenstärksten Gletschern der Ostalpen. Beim Bahnhof angekommen schnallen wir unsere Skier ab und warten auf den Zug. Ein letzter Blick zurück Richtung Gemsfreiheit und Palü und mir ist klar, dass wir uns sicher nicht zum letzten Mal gesehen haben.

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Störche im Engadin

Ein Rennen auf Zeit, bei dem Zeit kaum eine Rolle spielt.

6:45 Uhr. Um diese Zeit liegt St. Moritz normalerweise noch im Dornröschenschlaf. Die Gipfel des Corvatsch, Muottas Muragl und Corviglia leuchten in sanftem Hellrot und thronen majestätisch über dem Oberengadin. Auf den ersten Blick scheint alles so wie immer, und doch ist heute etwas anders. Vielleicht liegt es an den verfrühten Öffnungszeiten der Frühstückbuffets in den Hotels vor Ort. Vielleicht liegt es auch an dem verstärkten Sicherheitsaufkommen rund um das Engadiner Alpendorf oder aber an den unzähligen, in engem Sportgewand gekleideten Menschen, die sich bereits in aller Früh auf den Straßen tummeln. Ein Einheimischer erklärt dem anderen: „Heute werden wieder die Störche losgelassen“. Kurze Zeit später wird klar, wer mit dem Begriff Störche gemeint ist: Langläufer, die sich, ausgestattet mit dünnen langen Skiern und noch viel dünneren und längeren Stöcken, rasch auf den Weg Richtung Maloja machen – zum Start des 49. Engadin Skimarathons.

Eine Veranstaltung mit langer Tradition

Das Gleiten auf Skiern zählt vermutlich zu den ältesten Fortbewegungsmitteln der Menschheit. So gelten vor allem die nomadischen Völker des hohen Nordens als Begründer der Skikultur. Ein berühmter Holzstich aus dem frühen 16. Jahrhundert zeigt einen Lappländer mit jeweils einem langem und einem deutlich kürzeren Ski an den Füßen: Für Historiker stellt diese Darstellung den ersten Vorläufer der Skating-Technik dar. Was im urzeitlichen Sinne der Jagd und dem Transport auf schneebedeckter Oberfläche diente, hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts zu einem Sportgerät von großem Unterhaltungswert entwickelt. Der Berliner Schreiner Samuel Hnateck fertigte während seines Aufenthalts im Obernegadin in Sils im Jahre 1863 erste Gleithölzer aus Tannenholzbrettern an. Wenig später stellte der Silser Schreinermeister Eggenberger die ersten „serienmäßigen Ski des Alpenraums“ her. Es sollte allerdings noch eine Weile dauern bis im Engadin der größte Volksskilauf der Schweiz durchgeführt werden konnte. Am zweiten Sonntag im März 1969 war es dann allerdings soweit: 945 Läuferinnen und Läufer traten zum 1. Engadiner Skimarathon an den Start. Damals konnte noch keiner ahnen, dass sich der „Engadiner“ (wie er von den Einheimischen genannt wird) zu einem der bedeutendsten Breitensportereignisse des Landes und beliebten Treffpunkt der gesamten Weltelite entwickeln sollte.

Mittlerweile ist es bereits kurz vor 8:00 Uhr und auf dem Westufer des Silsersees bei Maloja herrscht reges Treiben. Langläufer, Betreuer, Presse, Security, Kinder und Erwachsene laufen kreuz und quer. Die Stimmung ist fast ein wenig hektisch. Im Startbereich werden die Wettkämpfer in Blöcke eingeteilt: Vorne weg starten die Läufer der Eliteklassen, danach die Hauptklassen und zu guter Letzt die Gruppe der Volksläufer. „Man fühlt sich ein wenig wie Legehennen“, erklärt mir einer der Volksläufer schmunzelnder Weise und die umstehenden Mitläufer beginnen laut zu lachen. Der Engadiner Skimarathon ist ein Fixtermin im Kalender des 44-jährigen Bankers aus Zürich. Er liebt die natürliche Bewegung des Langlaufens und den unmittelbaren Kontakt zur Natur, daher nimmt er heuer bereits zum 14. Mal an dem 42 Kilometer langem Wettlauf teil. Die Platzierung ist für ihn und den Großteil der Volksläufer reine Nebensache, schließlich geht es um den Spaß am Laufen vor dem unglaublichen Panorama des Oberengadins.

Die Ruhe vor dem Sturm

8:25 Uhr. Es ist windstill, die Lufttemperatur beträgt knapp unter Null Grad. „Perfekte Bedingungen, besser geht’s nicht.“ meint eine junge Norwegerin aus dem Starterfeld der Elite. Die letzten Vorkehrungen werden getroffen, langsam kehrt Ruhe in der Startzone des größten Skilanglaufwettbewerbs der Schweiz ein. Hochkonzentriert warten die Läufer auf das finale Startsignal. Alles ist still, nur aus den riesigen Lautsprechern ertönt ein leises Rauschen. Mit einem lauten „Hey-ha, hey-ha“ feuern die Kommentatoren die Wettläufer an und 14.000 Teilnehmer ziehen wie ein riesengroßer Ameisenzug über den Silsersee hinweg. Mit einem durchschnittlichen Tempo von knapp 30 km/h bewegt sich die Menschentraube Richtung St. Moritz, allen voran die aus über 60 Nationen stammenden Spitzenlangläufer dieser Welt. Ein Helikopter kreist über ihren Köpfen um jeden Moment dieses spannenden Ereignisses einzufangen. Vorbei geht es am Ort Sils und über den Silvaplanasee, der sich im Sommer besonders bei Kite- und Windsurfern größter Beliebtheit erfreut. Die Läufer erreichen nun die erste Verpflegungsstation vor dem Schloß Crap da Sass, wo sie schon von einer Schar an Freiwilligen und Betreuern erwartet werden. Viel Zeit bleibt ihnen jedoch nicht, getrunken wird im Laufschritt und schon geht es weiter. Der St. Moritzersee wird von den Sportlern links liegen gelassen, bevor sie sich bergauf durch den Stazerwald nach Pontresina kämpfen. Oben angekommen gilt es einmal kurz durchatmen bevor es über eine der Schlüsselstellen, der Stazerwald-Abfahrt, wieder bergab geht. Stürze sind an diesem Streckenabschnitt keine Seltenheit: die Abfahrt ist steil, die Geschwindigkeit hoch und zwingt naturgemäß einige Athleten zu Boden. So auch dieses Mal. Die Halbmarathonläufer haben nun ihr Ziel erreicht und reißen glücklich die Hände in die Luft.

9.20 Uhr: Von Pontresina geht es nun über flaches Gelände weiter nach Samedan. Privatjets des höchst gelegenen Flughafen Europas säumen an dieser Stelle die Loipe des Engadiner Skimarathons, im Hintergrund ruht anmutig der 3900 Meter hohe Piz Palü. Für die Teilnehmer bleibt allerdings keine Zeit zu Staunen, das Ziel scheint bereits in greifbarer Nähe und die Kraftreserven sind bald verbraucht. Die meisten Langläufer haben so etwas wie ein eigenes Mantra, einen Spruch der vor dem geistigen Auge immer und immer wieder abgerufen wird. Es soll gleichermaßen beruhigend wie anspornend wirken, wird mir später ein glücklicher Elite-Teilnehmer aus dem Berner Oberland erklären. Jede Bewegung ist tausendfach im Training wiederholt und bis ins letzte Detail perfektioniert. Denn während des Rennens bleibt keine Zeit zu denken, jeder hat nur eine Sache vor Augen: endlich das Ziel zu erreichen. Immer wieder rufen die Zuschauer den Läufern „Hey-ha, hey-ha“ zu und feuern die Wettkämpfer weiter an. Die Stimmung ist auf ihrem Höhepunkt.

Von Samedan führt die Strecke in nordöstlicher Richtung durch La Punt. Mittelalterliche Ruinen der Habsburger und Franzosen sind Zeitzeugen einer unvergessenen Ära. Nun sind es nur mehr wenige Kilometer bis zum Zieleinlauf in S-chanf, und die Teilnehmer der Eliteklasse liefern sich ein knappes Kopf-an-Kopf Rennen. Die Zuseher jubeln und grölen, während die Treichelgruppe mit ihren überdimensionalen Kuhglocken die letzten Meter einläutet. Die Spannung steigt: Wer wird letzten Endes die Nase vorn haben? „Im Grunde ist es doch egal wer gewinnt, was wirklich zählt ist, dass alle gut im Ziel ankommen und die Sonne für uns lacht“, sagt ein Betreuer der Schweizer Mannschaft lächelnd. Und die Sonne lacht im Zielbereich: Einige der Teilnehmer liegen schnaufend und hustend am Boden, sie sind am Ende ihrer Kräfte, 42 Kilometer auf 1800 Meter über Seehöhe gehen nicht spurlos an einem Menschen vorbei. Andere wiederum gratulieren einander, umarmen sich und sehen im Grunde aus, als ob sie nie wirklich ins Schwitzen gekommen wären. Allen gemein ist allerdings ein gewisses glückliches Grinsen im Gesicht, denn egal ob Mann oder Frau, Jung oder Alt, Hobby- oder Profisportler, sie sind alle einfach glücklich im Ziel angekommen zu sein. Genau darin liegt wohl auch die Einzigartigkeit des Engadiner Skimarathons: Hier läuft die Crème de la Crème der internationalen Langlaufszene neben dem einfachen Volkssportler von nebenan. Gewonnen hat übrigens der Lokalmathador, mehrfache Olympiasieger und erste Schweizer Gesamtweltcupsieger im Langlauf, Dario Cologna. Ein Superstar in der Welt der Störche, der heuer seinen dritten Sieg beim Engadin Skimarathon verbuchen darf. Und wer weiß, vermutlich war es noch nicht sein letzter, hier in St. Moritz…

Engadin Skimarathon

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