Störche im Engadin

Ein Rennen auf Zeit, bei dem Zeit kaum eine Rolle spielt.

6:45 Uhr. Um diese Zeit liegt St. Moritz normalerweise noch im Dornröschenschlaf. Die Gipfel des Corvatsch, Muottas Muragl und Corviglia leuchten in sanftem Hellrot und thronen majestätisch über dem Oberengadin. Auf den ersten Blick scheint alles so wie immer, und doch ist heute etwas anders. Vielleicht liegt es an den verfrühten Öffnungszeiten der Frühstückbuffets in den Hotels vor Ort. Vielleicht liegt es auch an dem verstärkten Sicherheitsaufkommen rund um das Engadiner Alpendorf oder aber an den unzähligen, in engem Sportgewand gekleideten Menschen, die sich bereits in aller Früh auf den Straßen tummeln. Ein Einheimischer erklärt dem anderen: „Heute werden wieder die Störche losgelassen“. Kurze Zeit später wird klar, wer mit dem Begriff Störche gemeint ist: Langläufer, die sich, ausgestattet mit dünnen langen Skiern und noch viel dünneren und längeren Stöcken, rasch auf den Weg Richtung Maloja machen – zum Start des 49. Engadin Skimarathons.

Eine Veranstaltung mit langer Tradition

Das Gleiten auf Skiern zählt vermutlich zu den ältesten Fortbewegungsmitteln der Menschheit. So gelten vor allem die nomadischen Völker des hohen Nordens als Begründer der Skikultur. Ein berühmter Holzstich aus dem frühen 16. Jahrhundert zeigt einen Lappländer mit jeweils einem langem und einem deutlich kürzeren Ski an den Füßen: Für Historiker stellt diese Darstellung den ersten Vorläufer der Skating-Technik dar. Was im urzeitlichen Sinne der Jagd und dem Transport auf schneebedeckter Oberfläche diente, hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts zu einem Sportgerät von großem Unterhaltungswert entwickelt. Der Berliner Schreiner Samuel Hnateck fertigte während seines Aufenthalts im Obernegadin in Sils im Jahre 1863 erste Gleithölzer aus Tannenholzbrettern an. Wenig später stellte der Silser Schreinermeister Eggenberger die ersten „serienmäßigen Ski des Alpenraums“ her. Es sollte allerdings noch eine Weile dauern bis im Engadin der größte Volksskilauf der Schweiz durchgeführt werden konnte. Am zweiten Sonntag im März 1969 war es dann allerdings soweit: 945 Läuferinnen und Läufer traten zum 1. Engadiner Skimarathon an den Start. Damals konnte noch keiner ahnen, dass sich der „Engadiner“ (wie er von den Einheimischen genannt wird) zu einem der bedeutendsten Breitensportereignisse des Landes und beliebten Treffpunkt der gesamten Weltelite entwickeln sollte.

Mittlerweile ist es bereits kurz vor 8:00 Uhr und auf dem Westufer des Silsersees bei Maloja herrscht reges Treiben. Langläufer, Betreuer, Presse, Security, Kinder und Erwachsene laufen kreuz und quer. Die Stimmung ist fast ein wenig hektisch. Im Startbereich werden die Wettkämpfer in Blöcke eingeteilt: Vorne weg starten die Läufer der Eliteklassen, danach die Hauptklassen und zu guter Letzt die Gruppe der Volksläufer. „Man fühlt sich ein wenig wie Legehennen“, erklärt mir einer der Volksläufer schmunzelnder Weise und die umstehenden Mitläufer beginnen laut zu lachen. Der Engadiner Skimarathon ist ein Fixtermin im Kalender des 44-jährigen Bankers aus Zürich. Er liebt die natürliche Bewegung des Langlaufens und den unmittelbaren Kontakt zur Natur, daher nimmt er heuer bereits zum 14. Mal an dem 42 Kilometer langem Wettlauf teil. Die Platzierung ist für ihn und den Großteil der Volksläufer reine Nebensache, schließlich geht es um den Spaß am Laufen vor dem unglaublichen Panorama des Oberengadins.

Die Ruhe vor dem Sturm

8:25 Uhr. Es ist windstill, die Lufttemperatur beträgt knapp unter Null Grad. „Perfekte Bedingungen, besser geht’s nicht.“ meint eine junge Norwegerin aus dem Starterfeld der Elite. Die letzten Vorkehrungen werden getroffen, langsam kehrt Ruhe in der Startzone des größten Skilanglaufwettbewerbs der Schweiz ein. Hochkonzentriert warten die Läufer auf das finale Startsignal. Alles ist still, nur aus den riesigen Lautsprechern ertönt ein leises Rauschen. Mit einem lauten „Hey-ha, hey-ha“ feuern die Kommentatoren die Wettläufer an und 14.000 Teilnehmer ziehen wie ein riesengroßer Ameisenzug über den Silsersee hinweg. Mit einem durchschnittlichen Tempo von knapp 30 km/h bewegt sich die Menschentraube Richtung St. Moritz, allen voran die aus über 60 Nationen stammenden Spitzenlangläufer dieser Welt. Ein Helikopter kreist über ihren Köpfen um jeden Moment dieses spannenden Ereignisses einzufangen. Vorbei geht es am Ort Sils und über den Silvaplanasee, der sich im Sommer besonders bei Kite- und Windsurfern größter Beliebtheit erfreut. Die Läufer erreichen nun die erste Verpflegungsstation vor dem Schloß Crap da Sass, wo sie schon von einer Schar an Freiwilligen und Betreuern erwartet werden. Viel Zeit bleibt ihnen jedoch nicht, getrunken wird im Laufschritt und schon geht es weiter. Der St. Moritzersee wird von den Sportlern links liegen gelassen, bevor sie sich bergauf durch den Stazerwald nach Pontresina kämpfen. Oben angekommen gilt es einmal kurz durchatmen bevor es über eine der Schlüsselstellen, der Stazerwald-Abfahrt, wieder bergab geht. Stürze sind an diesem Streckenabschnitt keine Seltenheit: die Abfahrt ist steil, die Geschwindigkeit hoch und zwingt naturgemäß einige Athleten zu Boden. So auch dieses Mal. Die Halbmarathonläufer haben nun ihr Ziel erreicht und reißen glücklich die Hände in die Luft.

9.20 Uhr: Von Pontresina geht es nun über flaches Gelände weiter nach Samedan. Privatjets des höchst gelegenen Flughafen Europas säumen an dieser Stelle die Loipe des Engadiner Skimarathons, im Hintergrund ruht anmutig der 3900 Meter hohe Piz Palü. Für die Teilnehmer bleibt allerdings keine Zeit zu Staunen, das Ziel scheint bereits in greifbarer Nähe und die Kraftreserven sind bald verbraucht. Die meisten Langläufer haben so etwas wie ein eigenes Mantra, einen Spruch der vor dem geistigen Auge immer und immer wieder abgerufen wird. Es soll gleichermaßen beruhigend wie anspornend wirken, wird mir später ein glücklicher Elite-Teilnehmer aus dem Berner Oberland erklären. Jede Bewegung ist tausendfach im Training wiederholt und bis ins letzte Detail perfektioniert. Denn während des Rennens bleibt keine Zeit zu denken, jeder hat nur eine Sache vor Augen: endlich das Ziel zu erreichen. Immer wieder rufen die Zuschauer den Läufern „Hey-ha, hey-ha“ zu und feuern die Wettkämpfer weiter an. Die Stimmung ist auf ihrem Höhepunkt.

Von Samedan führt die Strecke in nordöstlicher Richtung durch La Punt. Mittelalterliche Ruinen der Habsburger und Franzosen sind Zeitzeugen einer unvergessenen Ära. Nun sind es nur mehr wenige Kilometer bis zum Zieleinlauf in S-chanf, und die Teilnehmer der Eliteklasse liefern sich ein knappes Kopf-an-Kopf Rennen. Die Zuseher jubeln und grölen, während die Treichelgruppe mit ihren überdimensionalen Kuhglocken die letzten Meter einläutet. Die Spannung steigt: Wer wird letzten Endes die Nase vorn haben? „Im Grunde ist es doch egal wer gewinnt, was wirklich zählt ist, dass alle gut im Ziel ankommen und die Sonne für uns lacht“, sagt ein Betreuer der Schweizer Mannschaft lächelnd. Und die Sonne lacht im Zielbereich: Einige der Teilnehmer liegen schnaufend und hustend am Boden, sie sind am Ende ihrer Kräfte, 42 Kilometer auf 1800 Meter über Seehöhe gehen nicht spurlos an einem Menschen vorbei. Andere wiederum gratulieren einander, umarmen sich und sehen im Grunde aus, als ob sie nie wirklich ins Schwitzen gekommen wären. Allen gemein ist allerdings ein gewisses glückliches Grinsen im Gesicht, denn egal ob Mann oder Frau, Jung oder Alt, Hobby- oder Profisportler, sie sind alle einfach glücklich im Ziel angekommen zu sein. Genau darin liegt wohl auch die Einzigartigkeit des Engadiner Skimarathons: Hier läuft die Crème de la Crème der internationalen Langlaufszene neben dem einfachen Volkssportler von nebenan. Gewonnen hat übrigens der Lokalmathador, mehrfache Olympiasieger und erste Schweizer Gesamtweltcupsieger im Langlauf, Dario Cologna. Ein Superstar in der Welt der Störche, der heuer seinen dritten Sieg beim Engadin Skimarathon verbuchen darf. Und wer weiß, vermutlich war es noch nicht sein letzter, hier in St. Moritz…

Engadin Skimarathon

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